Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) sind häufig unverzichtbar

Offener Brief

Liebe Patientinnen,

nachfolgend möchten wir an dieser Stelle den offenen Brief von Herrn Dr. med. Christian Albring — Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V. — zitieren, da es uns in unserer frauenärztlichen Tätigkeit ein äußerst wichtiges Anliegen ist, Sie nicht nur bestmöglich zu betreuen und zu behandeln, sondern Sie auch über häufig notwendige individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) zu informieren:

München, den 20.05.2015

OFFENER BRIEF an den Patientenbeauftragten der Bundesregierung:
Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) sind häufig unverzichtbar

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Laumann,

nach der Veröffentlichung des aktuellen Wido‐Reports der AOK wurden Sie am Montag, dem 18. Mai 2015, im Zusammenhang mit der Erbringung und Abrechnung von IGe‐Leistungen in der BILD zitiert mit Vokabeln wie „Riesensauerei“, „schwarze Schafe“, „deutliche Konsequenzen“ und der Absicht zu prüfen, „wie häufig Ärzte geltende Gesetze beim IGeLn brechen“.

Tatsache ist: enorm viele Individuelle Gesundheits‐Leistungen (IGeL) sind unverzichtbare und notwendige Bestandteile der ärztlichen Tätigkeit, auch in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Alle innovativen medizinischen Leistungen sind bis zur Anerkennung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) und den Bewertungsausschuss (BA) und bis zur Aufnahme in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) immer IGeL. Sie können und dürfen für die Sicherheit der medizinischen Versorgung nicht in Frage gestellt werden.

Die WANZ‐Kriterien werden jedoch in keinem Bericht der von den GKV beauftragten Institute artikuliert. Stattdessen wird durch die GKV einer Vollkasko‐Mentalität der Menschen Vorschub geleistet. Bewertung von Leistungen von Heilpraktikern, Homöopathen und Anderen stehen ebenfalls nie in der Kritik der GKV, obwohl ihre Leistungen völlig der evidence based medicine entbehren. Hier versagt die GKV komplett gegenüber Ihren Mitgliedern und überlässt es den Medien etc., dafür oder dagegen zu argumentieren.

Absolut unehrlich ist es, wenn einerseits eine Krankenkasse (AOK) z.B. Vaginalultraschalle in der Schwangerschaft den Patientinnen mit bis zu 150,00 Euro bar ersetzt, anderseits über den GKV Spitzenverband Ultraschalle jedoch in öffentlichen Aussagen pauschal als Abzocke bezeichnen lässt.

Als Beleg für die oben genannte Tatsache lesen Sie bitte nachfolgend einige typische Individuelle Gesundheitsleistungen — hier aus der Frauenheilkunde und Geburtshilfe — im Detail (zur Beachtung: Ärztinnen und Ärzte, die sich nicht leitlinienkonform verhalten, machen sich angreifbar):

  • Das Robert‐Koch‐Institut als zentrale Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention empfiehlt die Untersuchung auf Toxoplasmose-Antikörper dringend für jede Schwangere → IGeL
  • Das sogenannte Ersttrimester‐Screening in der Schwangerschaft wird neuerdings von einigen Kassen als Satzungsleistung den Schwangeren bar ersetzt, von anderen verteufelt → IGeL
  • Die Leitlinie zur Prophylaxe der Neugeborenensepsis der wissenschaftlichen Fachgesellschaften für Gynäkologie und Geburtshilfe und für die Neugeborenenmedizin empfiehlt vor der Geburt die Untersuchung der Vagina auf ß‐hämolysierende Streptokokken bei allen Schwangeren, um schwerste Infektionen des Neugeborenen zu verhindern → IGeL
  • Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Senologie, unterstützt von der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, empfiehlt bei mittlerer und hoher Brustdichte (ACR III und IV) zur radiologischen Untersuchung beim Screening auf Brustkrebs zusätzlich eine Ultraschall‐Untersuchung, weil die alleinige radiologische Untersuchung kein zuverlässiges Ergebnis erbringt. Dies trifft auf jede dritte Frau über 50 Jahren zu → IGeL
  • Die manuelle Tastuntersuchung des weiblichen Beckenraums ist eine frauenärztliche Routinemaßnahme. Ihre Aussagekraft ist jedoch bei übergewichtigen Frauen, bei Frauen, die die Bauchdecke nicht entspannen können, und bei Frauen mit Verwachsungen im Bauch oder solchen, bei denen die Organe so verlagert sind, dass sie nicht oder nur mit großer Mühe getastet werden können, äußerst eingeschränkt. In diesen Fällen ist der Ultraschall des kleinen Beckens die einzige Untersuchungsmethode, um Veränderungen an der Gebärmutter, den Eileitern und Eierstöcken, der Harnblase und im Beckenbereich darzustellen, und doch keine Kassenleistung → IGeL
    Aber auch bei allen anderen Frauen bietet eine Ultraschalluntersuchung mehr Erkenntnisse, als sie der alleinige Tastbefund liefern kann. Selbst Krebserkrankungen können unter Umständen entdeckt werden, bevor sie — oft erst im Spätstadium — Symptome hervorrufen, aber auch Endometriumhyperplasien, Zysten, Myome, Verwachsungen und Lageveränderungen der Gebärmutter → IGeL
  • Der frühe Ultraschall in der Schwangerschaft vor der 9. Schwangerschaftwoche kann intrauterine Blutungen und Eileiterschwangerschaften entdecken und somit lebensrettend sein — einerseits für den Embryo, andererseits für die Mutter — und er kann Myome und Fehllagen der Gebärmutter erkennen. Bei manchen Kassen ist er eine Satzungsleistung, bei anderen → IGeL
  • Laut G‐BA‐Beschluss ist die HPV‐Impfung bis 18 und der Chlamydientest bis zum 26. Lebensjahr Inhalt des Leistungskataloges der GKV. Beide Leistung bleiben für viele Frauen auch in höherem Alter sinnvoll und wünschenswert → IGeL
  • Syphilis‐, Gonorrhoe‐ und HIV‐Teste sind nur zu Beginn einer Schwangerschaft Kassenleistung. Braucht eine Frau jedoch Sicherheit, z.B. vor einer neuen Partnerschaft, → IGeL
  • Weitere ärztliche Leistungen sind nicht Gegenstand des Katalogs der GKV. Auch für diese gibt eine Notwendigkeit:
    - Hormonbestimmungen und andere Checkups ohne Krankheitsanzeichen auf Wunsch der Patientin → IGeL
    - Einlage bzw. Entfernung einer Spirale oder eines Hormonimplantates zur Empfängnisverhütung ab dem 20. Lebensjahr → IGeL
    - Reiseimpfungen bei den meisten Kassen → IGeL
  • Aber auch medizinisch nicht notwendige 3D‐Ultraschalluntersuchungen des Embryos/Feten für das private Fotoalbum auf Wunsch der Schwangeren, Atteste und Bescheinigungen zählen zu den → IGeL

Sehr geehrter Herr Staatssekretär,

nicht etwa die Vorhaltung von Individuellen Gesundheits‐Leistungen (IGeL) zerstört das Arzt‐Patientenverhältnis, sondern die systematische Unterstellung, Ärzte, die diese neuen und notwendigen Leistungen erbringen, handelten nur gewinnorientiert.

Sie sehen an diesem Katalog ärztlicher Leistungen, die nicht von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden, dass es sich meist nicht um unnötige Maßnahmen handelt, die man ohne Schaden weglassen könnte, bzw. in anderen Fällen um Maßnahmen, die ausdrücklich auf Wunsch der Schwangeren bzw. der Patientin durchgeführt werden.

Ein Frauenarzt — als Beispiel — erhält für die Beratung und Betreuung einer gesetzlich versicherten Kranken für ein ganzes Quartal einmalig z.Z. 14,92 Euro (arztgruppenspezifischer Basisfallwert z.B. in Niedersachsen) — egal wie oft die Frau die Praxis aufsucht. Es ist weder wirtschaftlich möglich noch ausdrücklich von der GKV, die ja im G‐BA und BA mitentscheidet, erwünscht, die vom Robert‐Koch‐Institut oder von den wissenschaftlichen Fachgesellschaften empfohlenen, aber nicht im Katalog vorhandenen, Leistungen innerhalb des gesetzlichen Honorarrahmens von 14,92 Euro/Quartal zu erbringen.

Aus medizinischer Sicht ist es höchst bedauerlich, dass die gesetzlichen Krankenkassen in erster Linie ökonomische Bedingungen im Auge haben und nicht die individuelle Gesundheit ihrer Versicherten. Die GKV schützt sich vor der Übernahme notwendiger Leistungen vielfach durch das „Totschlag‐Argument“, eine Methode müsse zunächst in großen Studien beweisen, dass sie nicht nur Gesundheit bewahrt und Krankheiten verhütet, sondern Leben rettet. Bis zu diesem Punkt erklärt die GKV eine Methode sei nicht wissenschaftlich belegt.

Richtig ist jedoch, dass 100% aller Schwangeren die Untersuchung auf eine Infektion mit Toxoplasmose und ß‐hämolysierenden Streptokokken angeboten werden sollten, jeder dritten Frau über 50 Jahre ein Ultraschall der Brust, und allen übergewichtigen Frauen ein Ultraschall des kleinen Beckens.

In diesen Fällen von „vollkommen inakzeptabel und gesetzwidrig“ und von einer „Riesensauerei“ zu sprechen und Ärzten Gesetzesbruch zu unterstellen, wenn sie derartige Leistungen verweigern, wie die Medien kolportieren, ist problematisch.

Die Frauenärztinnen und ‐ärzte Deutschlands würden sich wünschen, mit Ihnen als Patientenvertreter der Bundesregierung über die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit ärztlicher Leistungen ins Gespräch zu kommen, die — oft entgegen bester Evidenz — von den gesetzlichen Krankenkassen nicht honoriert werden, den Schwangeren bzw. Patientinnen aber angeboten werden müssen.

Gesprächsbedarf bieten in dem Zusammenhang auch die Patienteninformationen auf großen Online‐Portalen wie dem der „Unabhängigen Patientenberatung“ und der „Verbraucherzentrale Nordrhein‐Westfalen“, die praktisch wortgleich sind mit denen auf dem „Igel‐Monitor“, der wiederum vom Medizinischen Dienst des spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS) initiiert, beauftragt und finanziert wird. Diese Portale sind mithin keineswegs unabhängig, sondern werden direkt von den gesetzlichen Krankenkassen beauftragt. Deren Intentionen und ihr erheblicher Einfluss auf die öffentliche Meinung geben zu Denken.

Über all diese Themen, die von größter Bedeutung für die Gesundheit von Schwangeren und von frauenärztlichen Patientinnen sind, würden wir uns gern bald mit Ihnen austauschen.

Mit den besten Grüßen,
BERUFSVERBAND DER FRAUENÄRZTE e.V.
Ihr
Dr. med. Christian Albring
Präsident

Den offenen Brief können Sie auch hier als PDF-Dokument herunterladen .

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